IESUS CHRISTUS VITA – JESUS CHRISTUS IST DAS LEBEN!

Das erste Königsmonogramm Lothars III. als Schlüssel zur Lösung des Jagdfriesrätsels
von Jürgen Bernhard Kuck (02. Januar 2015)

 

1. Das Jagdfriesrätsel

Die ehemalige Benediktinerabteikirche St. Peter und Paul in Königslutter am Elm, im Volks­mund „Kaiserdom“ genannt, wurde 1135 von Kaiser Lothar III. als Grablege für sich und sei­ne Familie gestiftet.

Seit Jahrhunderten ist der „Kaiserdom“ ein weithin sichtbares Wahrzeichen der Stadt Kö­nigslutter. Kunstgeschichtlich erstrangig ist ne­ben der Architektur der Stiftskirche die Bauplas­tik, vor allem der sogenannte Jagdfries an der Außenapsis des Ostchores. Um dessen rätselhafte Skulpturen ranken sich zahllose Deutungsversuche.

 

EINE ABSURDE SZENERIE

Der „Meister von Königslutter“ entfaltet im Jagdfries eine absurde Szenerie, die zunächst ganz alltäglich erscheint: Zwei Jäger lassen die Hörner erschallen, Hunde hetzen einen Hirsch, verbei­ßen sich in Hase und Wildschwein, ein Jäger trägt einen erlegten Hasen als Beute heim. Doch dann, am Ende, geschieht das Unglaubliche: Der Jäger liegt an Händen und Füßen gebunden auf dem Rü­cken unter zwei zornig blickenden Hasen, die mit ihren Zähnen an seinen Fesseln zerren.

 

JadfriesDer Jagdfries, aufgenommen aus einem Winkel von 90°

 

Die Verfolgten, zwei schwache Tiere, haben ihren Verfolger besiegt. Der Lauf der Welt hat sich in sein Gegenteil verkehrt, der Jäger erliegt dem Gejagten.

 FriesDas zentrale Jagdfriesrelief, aufgenommen aus einem Winkel von 90°

 

Doch wie geht es weiter? Werden die beiden Hasen den Jäger von seinen Fesseln befreien oder zurren sie diese fest, um ihn aufzufressen? Wird der Gefesselte gerettet werden oder ist er verloren? Das erzählt uns der Bildhauer nicht. Das Schicksal des Jägers bleibt ungewiss.

 

DER VERBORGENE NAME DES SCHÖPFERS

Im nördlichen Friesdrittel ist über den Jagdszenen eine lateinische Inschrift eingemeißelt.

Inschrift JagdfriesDie Jagdfriesinschrift im nördlichen Drittel, grafische Hervorhebung: J. B. Kuck

 

Sie ist in leonischem Versmaß verfasst und spiegelverkehrt in Silben unterteilt geschrieben. Entspiegelt ist zu lesen: „+ HOC O PVS EX I MI VM VA RI O CE LA MI NE MI RVM + SC.“ Die Übersetzung zwischen den Kreuzzeichen lautet: „+Dieses hervorragende Werk (ist) durch mannigfaches Verbergen wunderbar+.“ Die von den Kreuzzeichen abgegrenzten Buchstaben „SC“ können als Abbreviatur für „sculpsit“ gelesen werden: „Er/sie/es schuf(en) es.“  Wer mit dieser Signatur als Schöpfer zu bezeichnen ist, wird verschwiegen.

Den Namen des Schöpfers zu finden, ist als Rätsel dem Leser aufgegeben. Die Signatur kann den Jagdfries betreffen, aber auch den gesamten Kirchenbau. Als „Schöpfer“ oder „Bildner“ kann der Name des Bildhauers im Rätsel verborgen sein, aber auch der Name des Kaisers als Auftraggeber und/oder Christus selbst als „Bildner und Schöpfer der Kirche“.

Üblicherweise signiert ein Künstler mit einem Monogramm.

Nachfolgend werde ich darlegen, dass im Jagdfries Kaiser Lothar III. im zentralen Relief sein Monogramm verborgen hat und dass der Kaiser selber im zentralen Jagdfriesrelief signiert.

 

2. Das erste Königsmonogramm Lothars III.

Seit Karl dem Großen wird die Gestaltung des Monogramms individuell auf den jeweiligen Herrscher zugeschnitten.

 

LOTHAR III. ALS WELTENHERRSCHER

Es gibt jedoch ein Monogramm, das in der ge­samten Herrschertradition seit Karl dem Gro­ßen einzigartig gestaltet ist: das erste Königsmo­nogramm Lothars III.

 Monogramm Foto_und_Handzeichnung (rund) Kopie

Erstes Königsmonogramm Lothars III., für Rheinau, Worms 1125

 

Einzigartig ist hier die Grundform des Rades, der Rota, die üblicherweise das Merkmal des Mo­nogramms der Päpste ist.

 

Abb. 14Rota Papst Paschalis II. (1099-1118)

 

Die Anordnung der Buchstaben RLVS im Mo­nogramm Lothars erinnert auf den ersten Blick an die Kreuzform der vier Buchstaben KRLS im Monogramm Karls des Großen.

 VMonogramm Karl der Große, für St-Hyppolite, Düren 774 

 

Da aber bei Lothar III. der obere Kreuzbalken fehlt, wird die Kreisform durch ein T dreigeteilt, was dem üblichen Schema der mittelalterlichen Weltdarstellung entspricht.

 

Abb. 16 Die erste gedruckte Weltkarte, In: Isidor von Sevilla, Etymologiae, Augsburg 1447

 

Thomas Frenz führt dazu aus, dass Lothars Kreis nicht in vier Quadranten geteilt sei wie die Rota des Paps­tes, sondern nach dem Schema der mittelalterlichen Weltkarten in eine Hälfte oben (Asien) und zwei Vier­tel unten (Europa und Afrika), wobei der Kreis um die drei im Mittelalter bekannten Kontinente den Ozean darstellt. Demzufolge begreift Lothar seine Weltherrschaft als Spiegelbild der Weltherr­schaft Christi. (1)

 

MONOGRAMM UND JAGDFRIESZENTRUM

Das nach 1135 reliefierte zentrale Jagdfriesrelief ist passgenau auf das erste Königsmonogramm Lothars III. abgestimmt. Projiziert man beide Embleme übereinander, wird sichtbar, dass sie sich ergänzen.

DruckDas Konstruktionsprinzip des ersten Königsmonogramms Lothars III. Fries2Das zentrale Jagdfriesrelief

Monogramm weißDas Konstruktionsprinzip ist dasselbe wie im ersten Königsmonogramm Lothars III.

Monogramm Foto_und_Handzeichnung Projektion der ersten Königsmonogramms Lothars III. auf das zentrale Jagdfriesrelief

 

Die synthetisierte Darstellung des ersten Königsmonogramms Lothars III. und des zentralen Jagdfriesreliefs wird nachfolgend als „Jagdfriesmonogramm“ bezeichnet.

Die Fotografie, die dem Jagdfriesmonogramm zugrunde liegt, wurde exakt aus einem Winkel von 90 ° aufgenommen. Die Umrisszeichnung, die der mittelalterliche Bildhauer für die Ausgestaltung des Reliefs zugrundegelegt hat, kann daher exakt fotografisch erfasst werden. Das beweist, dass die Zeichnung des Bildhauers präzise in die Linienstruktur des Monogramms eingepasst wurde.

Die Blendarkade, die das Relief als Bogen ein­fasst, ist präzise als Halbkreis konstruiert und lässt sich mit dem Kreis, der das Monogramm umfasst, exakt zur Deckung bringen. Im Monogramm bildet der Buchstabe „O“ einen inneren Kreis. Das „O“ des Monogramms stimmt mit dem inneren Kreis der Blendarkade überein.

Die anderen Buchstaben des Namens „LOTHARIVS“ passen sich der Darstellung der Ha­sen und des Jägers an. Der Buchstabe „R“ steht zwischen den Ohren der Hasen, das „I“ steht genau auf dem Knoten der Fessel. „R“ und „I“ sind auf einer senkrechten Linie übereinander angeordnet, die den Kreis in der Mitte teilt.

Der Buchstabe „T“ bildet ein Kreuz, dessen Querbalken den Körper des Jägers mittig teilt, während der senkrechte Kreuzbalken von der mittleren von drei übereinander gemeißelten Falten in der Seite des Jägers ansetzt und unten in den Buchstaben „L“ übergeht. Der Buch­stabe „L“ bildet also den Fuß des Kreuzes, so dass es scheint, als sei Lothar selber ans Kreuz genagelt.

Schon im Monogramm Ludwigs des Frommen und Lothars I. ist in das vergleichbar positio­nierte „L“ noch ein Nagel eingeschlagen. Peter Rück hat dargelegt, dass hier der Nagel im Fuß Jesu auf den Fuß des Monogrammbuchstaben „L“ übertragen wird, um die Identifikation des Herrschers mit Golgatha zum Ausdruck zu bringen. (2)

Analog zur Anordnung des Jägers und der bei­den Hasen im Monogramm Lothars stehen in der Rota des Papstes die Namen Petrus und Paulus anstelle der Hasen und der Name des Papstes anstelle des gefesselten Jägers. (3)

 

NOMEN EST OMEN

Peter Rück betont, dass die Monogramme der römischen Könige und Kaiser im Mittelalter verschlüsselt Einblick in das jeweils individuelle Herrschaftsverständnis geben: „Elementarverwendung als Gerüstteil, Betonung durch Volumen, Auflegung, Außenstellung und Freistellung bieten Interpretationshilfen. Kein Buchstabe wird ins Monogramm gesetzt, der nicht eine spirituelle Bedeutung hätte und in allererster Linie dem Lob Christi dienen würde, und das Ziel der Entschlüsselung ist nicht die Findung von Namen und Titeln, die jeder kennt und über die Protokoll und Eschatokoll genauen Bescheid geben, sondern der Einblick in das Wesen des christlichen Königtums mit den Augen des jeweiligen Herrschers. Versuche, aus den Monogrammbuchstaben eine neue Titulatur herauszulesen, führen leicht in die Irre, denn die Absicht ist die Darstellung eines spirituellen Programms, das in den Buchstaben des Namens – und wenn das nicht reicht, des Titels –eine Stütze finden kann: Nomen est Omen. Dabei folgt die Übernahme von Monogrammen gleichnamiger Vorfahren (Karle, Ludwige, Ottonen, Heinriche) denselben magischen Vorstellungen wie die Vererbung der Namen selbst.“ (4) Laut Rück genügt es nicht, aus den Buchstaben des Monogramms einzelne Worte zu bilden: „Vielmehr kann ein Monogramm erst dann als entschlüsselt gelten, wenn aus den Worten eine Devise, ein sinnvoller Satz gebildet ist.“ (5)

Es fehlt also eine Devise, die das Herrschaftsverständnis Lothars III. in einem sinnvollen Satz darlegt.

Diese Devise müsste zudem das Monogramm und das Relief untrennbar miteinander verbinden, so dass die zentrale Botschaft in einer Synthese von Bild und Buchstaben formuliert wird.

Eine erste Synthese wird im Jagdfriesmonogramm mit dem Buchstaben „O“ vollzogen, der in das Kreissegment des Blendarkadenbogens eingespannt werden muss, um Relief und Monogramm zu verbinden.

Eine zweite Synthese ergibt sich durch den Buchstaben „I“, der exakt auf den Knoten der Handfessel des Jägers passt.

Eine dritte Synthese ergibt sich, da der Buchstabe „R“ maßgerecht zwischen den aufgerichteten Ohren der Hasen steht.

Als vierte Synthese kann die Anordnung des Buchstaben „V“ links vom Kopf des gefesselten Jägers gesehen werden, denn legt man eine lineare Leserichtung zugrunde, dann steht das „V“ quasi am Anfang des Namenszuges „LOTHARIVS“, der zu einer grafischen Figur angeordnet ist, die die lineare Reihenfolge der Buchstaben des Namens nicht berücksichtigt.

Zusammen mit dem Buchstaben „A“ können die Buchstaben „V“, „R“, „I“ und „O“ daher auch als das Wort „VARIO“ gelesen werden, das im Zentrum der Jagdfriesinschrift steht.

 

Vario Kopie Das Wort VARIO

 

Damit ist eine erste entscheidende Synthese zwischen dem Zentrum der Jagdfriesinschrift, dem zentralen Relief und dem Monogramm Lothars vollzogen.

FAZIT: Das erste Königsmonogramm Lothars III. und das zentrale Jagdfriesrelief bilden im „Jagdfriesmonogramm“ eine Synthese, die das zentrale Wort „VARIO“ der Jagdfriesinschrift lesbar macht.

 

3. Die Fesseln des Jägers sind Buchstaben

Jetzt bleiben noch die vier Buchstaben „H“, „T“, „S“ und „L“ im Monogramm übrig. Sie ergeben zunächst keinen Sinn.

 

DER BUCHSTABE THETA

Betrachtet man die vier übrig gebliebenen Buchstaben isoliert vom Wort „VARIO“, dann fällt ein weiterer Buchstabe ins Auge, der bislang unberücksichtigt geblieben ist, der griechische Buchstabe „Theta“. Er wird vom inneren Kreis des Monogramms und der Waagerechten gebildet, die den Kreis in eine obere und eine untere Hälfte teilt.

 57Der Buchstabe Tau (links) und der Buchstabe Theta (rechts)

Für eine vollständige Schreibweise des Monogramms müsste der Buchstabe „Theta“ (=Θ) ins Zentrum hinter das „T“ rücken und das „TH“ ersetzen durch „TΘ“. Das „H“ tritt dann an den Anfang des Namens, der jetzt „HLOTΘARIVS“ lautet. Die Schreibweise „HLOTHARIVS“ wird auch auf dem sogenannten Lotharkreuz verwendet, das Lothar III. im Jahr 1125 bei seiner Krönung zum römischen König in Aachen zeremoniell voran getragen wurde.

Der Buchstabe Theta wird im ersten Königsmonogramm Lothars III. verwendet, um einen Bezug zu der Schreibweise des Namens Christi herzustellen, denn der Buchstabe „Θ“ steht auch im Zentrum des griechischen Namens „IXΘYΣ“.

Dieser Name ist das Akrostichon für „Jesous Christos Theou Hyios Soter“ ist, was übersetzt bedeutet: „Jesus, der Gesalbte, Gottes Sohn, der Erlöser“. Die lateinische Schreibweise des Namens lautet „ICHTHYS“.

Ichthys ist griechisch und bedeutet „Fisch“. Im Lexikon der christlichen Ikonografie wird die symbolische Bedeutung des Fisches erläutert: „Der Fisch wird zum Sinnbild der Gläubigen, die von Christus als dem >Fischer der Sterblichen< und den Aposteln als den Menschenfischern gefangen werden, wobei der Fischfang >Sinnbild der Rettung des Christen aus dem gefahrvollen Meere der Welt und Sinnbild der Wiedergeburt aus der Taufe< ist. Dieses Bild vom >Fischfang< wird von Tertullian in das eines >Fischteiches< verwandelt, in dem Christus der Ichthys, der große Fisch ist, während die Gläubigen als die >pisciculi< erscheinen. Dass zur Bezeichnung Christi >Ichthys< gebraucht wurde, hängt vielleicht mit der in Ichthys gegebenen Kürzung des Namens Jesu Christi zusammen.“ (6)

Im Apsismosaik von Sant’Apollinare in Classe zu Ravenna ist über dem Kreuz Christi die Schreibweise „IXΘYC“  zu finden, bei der der griechische Buchstabe „Θ“ im Zentrum steht. Griechische und lateinische Buchstaben sind hier vermischt. Am Fuß des Kreuzes sind die lateinischen Worte „SALVS MVNDI“ (lat.: „Heil der Welt“) zu lesen. Das Wort „IXΘYC“ ist in Ravenna das Sinnbild der Auferstehung und des Lebens.

 

ravennaDas Kreuz Christi, Ravenna, Sant’Apollinare in Classe, Apsismosaik, 546-549

 

Auf einer frühchristlichen Grabstele aus dem 3. Jahrhundert sind unter der Inschrift „IXΘC ZΩNTΩN“ (griech.: „Fisch der Lebenden“) zwei gegenständige Fische eingemeißelt.

 1024px-Stele_Licinia_Amias_Terme_67646 Kopie KopieGrabstele der Licina, heute im Thermenmuseum Rom, 3.Jh.


Analog dazu sind in Königslutter zwei gegenständige Hasen reliefiert.

 Abb. 2b

Die Köpfe der beiden Hasen verbergen ein Vexierbild: den Teufel.

 teufel1 Kopie

An die Stelle des Vexierbildes der Teufelsfratze in Königslutter ist auf der frühchristlichen Grabstele ein Anker als Hoffnungssymbol eingemeißelt.

Der Fisch ist der Legende nach das erste Erkennungszeichen der Christen. Es basiert auf folgender Interaktion: Ein Gläubiger zeichnet einen Bogen in den Sand und ein anderer ergänzt einen zweiten Bogen. Beide Bögen ergeben dann das Emblem eines Fisches.

 Fischmathematik

 

Im Monogramm Lothars finden sich vom Namen „ICHTΘYS“ die Buchstaben „H“, „T“, „S“ sowie das „Θ“ als Ersatz für das zweite „H“. Es fehlen jetzt noch die drei Buchstaben „I“, „C“ und „Y“.

Diese drei Buchstaben werden durch die Fesseln des Jägers gebildet. Die Fußfessel ist eindeutig als „I“ lesbar, die Handfessel als „C“ und die beiden Enden der Fesseln als „Y“.

YCIDie Synthese zwischen dem ersten Königsmonogramm Lothars III. und dem zentralen Jagdfriesrelief macht also das Wort „ICHTΘYS“ lesbar.

 

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FAZIT: Die Fesseln des Jägers im zentralen Jagdfriesrelief sind als die Buchstaben „Y“, „C“ und „I“ lesbar. Das erste Königsmonogramm Lothars III. und das zentrale Jagdfriesrelief bilden daher im „Jagdfriesmonogramm“ eine Synthese, die das Wort „ICHTΘYS“ lesbar macht.

 

4. Die Devise Lothars III.

Die beiden Wörter „VARIO“ und „ICHTΘYS“ werden mit dem im Jagdfriesmonogramm übrig gebliebenen Buchstaben „L“ für den Namen Lothars III. ergänzt.

 

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Es liegen also drei Worte vor, die sich zu folgendem Satz anordnen lassen: „VARIO L(othario) ICHTΘYS“. Die Übersetzung lautet: „Dem unbeständigen Lothar (ist) Jesus, der Gesalbte, Gottes Sohn, der Erlöser.“

Damit liegt eine Devise vor, die das Herrschaftsverständnis Lothars III. darlegt.

Zudem sind in diese Devise die fünf sogenannten mystischen Buchstaben integriert, die Isidor von Sevilla in seiner für das Mittelalter richtungsweisenden „Enzyklopädie“ folgendermaßen definiert:

 

DER ERSTE MYSTISCHE BUCHSTABE: DAS YPSILON

Der erste mystische Buchstabe ist Isidor zufolge „Y, welches das menschliche Leben bezeichnet. […] Den Buchstaben Y (Ypsilon) hat der Samier Pythagoras als Symbol des menschlichen Lebens zuerst geformt. Dessen unterer Zweig steht für das erste Lebensalter, das nicht aussagekräftig ist, weil sich ja bis dahin weder Fehler noch Tugenden gezeigt haben. Die Verzweigung aber, die übrig bleibt, beginnt mit dem Heranwachsen: dessen rechte Seite ist beschwerlich, wendet sich aber zum guten Leben (vita beata), die linke Seite aber ist bequemer, führt jedoch zum Fall und zum Untergang. Davon sagt Persius (Sat. 3, 56): Auch dir führte ein Buchstabe die samischen Zweige vor, / zeigte auf der rechten Seite den aufsteigenden Pfad.” (7)

Der Buchstabe Ypsilon steht als erster mystischer Buchstabe im Zentrum des Jagdfriesmonogramms. Die Verzweigung ist die Spiegelachse des Kreises und der Hasen.

Das Ypsilon steht bereits im Zentrum des Monogramms Karls des Großen.

 YMonogramm Karl der Große, für Schweigen, Bad Hersfeld 802

 

Projiziert man das Monogramm Karls des Großen auf das Jagdfriesmonogramm, dann wird deutlich, dass das Ypsilon in beiden Monogrammen an vergleichbarer Stelle platziert ist.

 

 Karl der Große und Jagdfries

Jagdfrieszentrum und Monogramm  Karls des Großen

 

Peter Rück führt aus, dass die Gestaltung der Monogramme der römischen Könige und Kaiser auf dem Monogramm Karls des Großen aufbaut und “am Anfang steht.” (8) “Das Monogramm (bzw. die Unterschrift), nicht das Siegel”, so Rück, “ist das ursprüngliche Beglaubigungszeichen des Königs” (9) Das erste Königsmonogramm Lothars III. wurde vom Erfurter Propst Embricho, seit 1127 Bischof von Würzburg, und seinem Notar Anno, dem Abt von St. Michaelis in Lüneburg gestaltet. Dessen Verwendung blieb auf den November 1125 beschränkt. (10)

Die komplizierte Ausführung des Herrscher-Monogramms in einer mittelalterlichen Urkunde wurde von einem Notar vorgefertigt. Der jeweilige Herrscher vervollständigte das vorgefertigte Monogramm dann mit eigener Hand durch einen sogenannten Vollziehungsstrich, der die Rechtsgültigkeit der ausgestellten Urkunde durch den eigenhändigen Anteil des Herrschers betont.

Im Monogramm Karls des Großen ist der Buchstabe “V” oder “Y” innerhalb der Raute der Vollziehungsstrich des ansonsten schreibunkundigen Herrschers.

 

DER ZWEITE MYSTISCHE BUCHSTABE: DAS THETA

Laut Isidor von Sevilla ist das Theta der zweite von fünf mystischen Buchstaben des griechischen Alphabets. Theta bezeichnet den Tod. Isidor schreibt: „Denn die Richter setzen dieses Omikron den Namen (der Personen) voran, über die sie die Todesstrafe verhängen. Er heißt Theta von Thanatos, das heißt Tod. Deshalb hat er auch einen Strich durch die Mitte, das Zeichen des Todes. Daher schreibt ein unbekannter Verfasser (Ennius Ann. 625): O Theta, du Buchstabe, so viel unglücklicher als alle anderen!“ (11)

Mit dem Buchstaben Theta bringt Lothar III. im ersten Königsmonogramm sein „Memento Mori“ zum Ausdruck.

 

DER DRITTE MYSTISCHE BUCHSTABE: DAS TAU

Als dritten mystischen Buchstaben bezeichnet Isidor das Tau: „Der dritte Buchstabe ist das Tau und symbolisiert das Kreuz des Herrn, woraus auch das hebräische Zeichen erklärt wird, von welchem beim Propheten Ezechiel (9,4) steht: Gehe mitten nach Jerusalem und bezeichne mit dem Zeichen Tau alle Menschen auf der Stirn, die jammern und klagen.“ (12) Die so von Ezechiel Bezeichneten sollen nach Gottes Willen von der Todesstrafe verschont bleiben. Der hebräische Buchstabe Taw, der dem griechischen Buchstaben Tau gleicht, bedeutet „Zeichen“. (13) Der Buchstabe Tau wird genauso geschrieben wie der lateinische Buchstabe „T“. Sowohl in der griechischen wie in der lateinischen Schreibweise ist der Buchstabe „T“ im ersten Königsmonogramm Lothars III. das Symbol für das Kreuz Christi.

Das „T“ ist mit dem Theta verbunden und bringt die Hoffnung Lothars III. auf die Auferstehung von den Toten zum Ausdruck, die mit der Auferstehung der beiden Hasen im Jagdfriesmonogramm auch im Bild anschaubar wird.

 

DER VIERTE UND FÜNFTE MSYTISCHE BUCHSTABE: ALPHA UND OMEGA

„Die beiden übrigen, den ersten und den letzten, beansprucht Christus für sich“, schreibt Isidor und verweist auf die Apokalypse des Johannes: „Er selbst nämlich, der Anfang und das Ende, sagt (Offb. 1,11; 21,6; 22,13): Ich bin das A und das Ω. – Indem nämlich A und Ω gegenseitig aufeinander zulaufen, wird das A zum Ω hingerückt und das Ω an das A gebunden, so dass der Herr in sich den Weg vom Anfang zum Ende und Ende zum Anfang offenbart.“ (14)

Das „O“ bildet im Jagdfriesmonogramm als Anfangsbuchstabe der lateinischen Schreibweise „Omega“ den äußeren Kreis, das „A“ als Anfangsbuchstabe für die lateinische Schreibweise „Alpha“ steht im inneren Kreis.

 

FAZIT: Das Jagdfriemonogramm integriert die fünf mystischen Buchstaben Isidor von Sevillas und formuliert in drei Worten die Herrschaftsdevise Lothars III.: VARIO L(othario) ICHTΘYS. Übersetzung: „Dem unbeständigen Lothar (ist) Jesus, der Gesalbte, Gottes Sohn, der Erlöser.“

 

5. Iesus Christus Vita – Jesus Christus ist das Leben

Das erste Königsmonogramm Lothars III. ist der Schlüssel zur Lösung des Jagdfriesrätsels.

 

DIE KERNBOTSCHAFT

Die Kernbotschaft des Jagdfrieses wird aber auch losgelöst vom Monogramm allein durch die drei Buchstaben „I“, „C“ und „Y“ auf den Fesseln des Jägers formuliert. Das „I“ steht für Jesus, das „C“ für „Christus“, das „Y“ für „Leben“. Das „Y“ kann analog zum Vollziehungsstrich im Monogramm Karls des Großen auch als „V“ für „Vita“ gelesen werden. „Vita“ ist das lateinische Wort für „Leben“.

Aus den Buchstaben „I“, „C“ und „V“ lässt sich dann der Satz „Iesus Christus Vita“ bilden: „Jesus Christus (ist) das Leben.“

 

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Diese Botschaft passt zum Bild der auferstandenen Hasen. Passend zur Vexierbildfratze des Teufels, die sich aus den Hasenköpfen als Scheinbild formen lässt, kann das „V“ der Fessel zusammen mit den Konturen der Hasenkörper auch als „M“ für „Mors“ (lateinisch: „Tod“) gelesen werden.

 Monogramm Foto_und_Handzeichnung mit

 

Damit wären Tod und Teufel als Scheinbilder des Bösen vereint.

teufel1 Kopie1

Dem Bösen und dem Tod steht das Gute des Lebens in Gestalt von Jesus Christus gegenüber.

Tod und Leben werden bei Jesus Sirach mit Gut und Böse gleichgesetzt. In der Vulgata heißt es: „Ante hominem vita et mors bonum et malum quod placuerit ei dabitur illi.“ (Sir 15,18) Übersetzung: „Der Mensch hat vor sich Leben und Tod, das Gute und das Böse; was er begehrt, wird ihm zuteil.“ (15)

Bezieht man den Buchstaben „M“ für „Mors“ ein, dann lassen sich im Jagdfriesmonogramm folgende Worte herauslesen: „MORS HL(o)Θ(arius) I(esus) C(hristus) VITA.“

Das kann als Satz gelesen werden für: „Der Tod (gehört zu) Lothar, Jesus Christus (ist) das Leben.“

 

Mors Hlotharius...

 

Die Kernbotschaft „Jesus Christus Vita“, „Jesus Christus ist das Leben“, wendet sich an jeden Jagdfriesbetrachter. Der Vollziehungsstrich des „Y“ bzw. „V“ für „Leben“ wird von jedem Jagdfriesbetrachter, der das Rätsel löst, als Glaubensbekenntnis realisiert.

 

66schrift

 

Das Glaubensbekenntnis „Jesus Christus ist das Leben“ bezeugt für jeden Menschen, der es ausspricht, auch für Lothar III., die Gewissheit, dass nicht der Tod am Ende steht, sondern das Leben.

Jesus Christus selber verkündet es vor der Auferweckung des Lazarus: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Jeder, der an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.“ (Joh 11,25-26) Und er fragt Marta, die Schwester des Lazarus:“Glaubst du das? Marta antwortete ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.“ (Joh, 11,26-27)

Jeder, der das Jagdfriesrätsel auflöst, formuliert dieses Glaubensbekenntnis…

FAZIT: Die Fesseln des Jägers formen im zentralen Jagdfriesrelief die Buchstaben „I“, „C“ und „V“ als Abbreviatur für das Glaubensbekenntnis „Iesus Christus Vita“, „Jesus Christus ist das Leben“. In Vexiereffekten ist zugleich mit der Fratze des Teufels der Buchstabe „M“ für „Mors“, „Tod“, erkennbar. Mit dem Bekenntnis „Jesus Christus ist das Leben“ wird die frohe Botschaft formuliert, dass nicht der Tod das Ende ist, sondern das Leben.

 

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Anmerkungen:

 

1) Vgl.: Th. Frenz, Verbale und nonverbale Kommunikation im europäischen Urkundenraum, http://wwws.phil.uni-passau.de/histhw/diversa/leipzig/

(2) Vgl.: Peter Rück, Bildberichte vom König, Kanzlerzeichen, königliche Monogramme und das Signet der salischen Dynastie, Institut für Historische Hilfswissenschaften: Marburg an der Lahn 1996, S. 18

(3) Thomas Frenz schreibt zur Rota von Papst Paschalis II.: „Die Rota besteht aus zwei konzentrischen Kreisen, die durch ein Kreuz in vier Quadranten geteilt sind. Seit Paschalis II. stehen in den vier inneren Quadranten die namen der Apostelfürsten und derjenige des Papstes: sanctus Petrus/sanctus Paulus/Paschalis/papa II. Der äußere Ring nimmt die Devise des Papstes auf, unter Paschalis II. z. B. Verbo domini coeli firmati sunt, am Anfang steht ein Kreuz.“ (Thomas Frenz, Papsturkunden des Mittelalters und der Neuzeit, Franz Steiner Verlag: Stuttgart 2000, S.22).

Nicht nur die Anordnung der beiden Hasen anstelle der Namen von Petrus und Paulus und des Jägers anstelle des Namens von Papst Paschalis II., auch dessen Devise („Durch das Wort des Herrn sind die Himmel gegründet“) könnte die Gestaltung des Jagdfriesmonogramms angeregt haben.

(4) Wie Anm. 2, S. 19

(5) Wie Anm. 2, S. 19-20

(6) Lexikon der christlichen Ikonographie, Herausgegeben von Engelbert Kirschbaum SJ +, Zweiter Band, Allegemeine Ikonographie, Fabelwesen – Kynokephalen, Herder: Rom, Freiburg, Basel, Wien 1979, S. 35

(7) Die Enzyklopädie des Isidor von Sevilla, Übersetzt und mit Anmerkungen versehen vin Lenelotte Müller, marixverlag: Wiesbaden 2008, S. 21

(8) Wie Anm. 2, S. 15

(9) Wie Anm. 2, S. 15

(10) Vgl. Peter Rück, wie Anm. 2, S. 25-26

(11) Wie Anm. 6, S. 22

(12) Wie Anm. 6, S. 22

(13) Wie Anm. 6, S. 22

(14) Wie Anm. 6, S. 22

(15) In der Einheitsübersetzung der Bibel (und auch schon bei Luther) ist der Satz unter Jesus Sirach 15,17 zu finden und es fehlt der Einschub „bonum et malum“. Der Einschub ist aber wichtig, da er auf den Sündenfall verweist, denn mit den Worten „Eritis sicut Deus scientes bonum et malum“ („Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“) verführt die Schlange Adam und Eva (1 Mos 3,5).

 

Bildnachweis:

Der Jagdfries, aufgenommen aus einem Winkel von 90°
Foto: Hans Arndt, Marktstraße 15, 38154 Königslutter

Das zentrale Jagdfriesrelief, aufgenommen aus einem Winkel von 90°
Foto: Hans Arndt, Marktstraße 15, 38154 Königslutter

Erstes Königsmonogramm Lothars III., für Rheinau, Worms 1125
Nachzeichnung nach: Peter Rück, Bildberichte vom König, Kanzlerzeichen, königliche Monogramme und das Signet der salischen Dynastie, Institut für Historische Hilfswissenschaften: Marburg an der Lahn 1996, Abb. 662, S. 157

Rota Papst Paschalis II. (1099-1118)
Bildquelle: Th. Frenz, Verbale und nonverbale Kommunikation im europäischen Urkundenraum, http://wwws.phil.uni-passau.de/histhw/diversa/leipzig/

Monogramm Karl der Große, für St-Hyppolite, Düren 774
Nachzeichnung nach: Peter Rück, Bildberichte vom König, Kanzlerzeichen, königliche Monogramme und das Signet der salischen Dynastie, Institut für Historische Hilfswissenschaften: Marburg an der Lahn 1996, Abb. 180, S. 100

Monogramm Karl der Große, für Schweigen, Bad Hersfeld 802
Nachzeichnung nach: Peter Rück, Bildberichte vom König, Kanzlerzeichen, königliche Monogramme und das Signet der salischen Dynastie, Institut für Historische Hilfswissenschaften: Marburg an der Lahn 1996, Abb. 188 S. 100

 


Copyright © 2014 Jürgen Bernhard Kuck, Goslarsche Straße 81, 38118 Braunschweig 

Dieser Artikel ist die Kurzversion eines Buches, dass Anfang 2015 von den Museen der Stadt Königslutter herausgegeben wird. Gefördert wird die Publikation von der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz.