Teufel auch!

Vom Vorrang der Anschauung gegenüber Begriffen

BDK-Mitteilungen 1/2002


Dass im Kunstunterricht eine kunstgeschichtliche Entdeckung gemacht wird, dürfte wohl eine Ausnahme bleiben. Manchmal geschieht es aber doch. Seit über 150 Jahren scheiterte die Forschung an der Lösung eines Bilderrätsels, das am romanischen Dom Königslutter (1135 von Kaiser Lothar III. gestiftet) von dem berühmtesten Künstler seiner Zeit, Nikolaus von Verona (1), in Stein gehauen wurde. Nikolaus entfaltet an der Außenapsis der ehemaligen Benediktinerkirche St. Peter und Paul an zentraler Stelle eine absurde Szenerie, die zunächst ganz alltäglich erscheint:

Zwei Jäger lassen die Hörner erschallen, Hunde hetzen einen Hirsch, verbeißen sich in Hase und Wildschwein. Schon hat ein Jäger einen erlegten Hasen geschultert, da ereilt ihn unerwartet sein Ende: der starke Verfolger wird zu Boden gerissen und gefesselt von den Verfolgten, zwei schwachen Hasen. Der Lauf der Welt hat sich in sein Gegenteil verkehrt, der Jäger erliegt dem Erjagten. Während die Hasen triumphieren, naht stolz ein Hirsch, der „König“ des Waldes, ein altes Christussymbol. „Ich bin Christus … bin zu dir kommen, dass ich dich durch diesen Hirsch fange, den du selber zu jagen wähntest.“ (2) Der Hirsch ist als ikonographisch geläufiges Motiv leicht zu deuten, doch das Bild eines Jägers, den zwei Hasen fesseln, ist in dieser Form einmalig und sorgte schon immer für Verwirrung bei den Interpreten, die zwei sich widersprechende Interpretationsstränge formulierten. Die einen sehen im Jäger den in seine Sünden verstrickten Menschen, der von der Allegorisierung „verderblicher“ Sinnlichkeit, den Hasen, gefesselt wird. Die anderen erkennen im Sieg der schwachen Hasen nicht den Triumph des Bösen, sondern den Triumph des Guten, den Sieg christlicher Mächte. Keine der Deutungen kann bewiesen werden, doch die Auslegung als „verkehrte Welt“ hat sich weitgehend behauptet. In einem 1998 erschienenen Standardwerk über christliche Ikonographie heißt es: „In Jagdszenen verkörpert der Jäger das Böse, den Teufel, und die Hasen werden als die verfolgten Seelen interpretiert (Bogenfries, 12. Jh., Königslutter, Klosterkirche)“ (3)Doch genau das ist nachweisbar falsch, wie im Kunstunterricht sichtbar verdeutlicht werden konnte. Keiner hatte richtig hingesehen! Auch ich nicht – bis zu einem denkwürdigen Tag:


Es war 16°° Uhr, und ich saß mit meinen Schülern Philipp Kohnke und Bartosz Henning im Theaterkeller der Raabeschule in Braunschweig. Die beiden arbeiteten an zwei Meter hohen Bildern für die Neugestaltung eines Bürgersaals in Braunschweig-Mascherode. Der Dom in Königslutter war Ausgangspunkt für die Bildmotive. Philipp hatte das Motiv des gefesselten Jägers mit einer Anzeigenwerbung in Verbindung gebracht. In seiner Collage wird ein nackter Mensch in Denkerpose von einem Affen im Schachspiel besiegt. „Schachmatt Bruder!“ sagt das Tier im Augenblick des Triumphes über seinen menschlichen Gegenspieler. Das Plakat (4) war Teil einer Naturschutzkampagne, deren ökologisches Memento gut zum Sieg der Hasen über ihren Verfolger passte.Die mittelalterlichen Motive veranschaulichen menschliches Leben so unmittelbar und alltagsbezogen, dass Verbindungen zu den Bilderwelten der heutigen Massenmedien nahe liegen. Es gibt allerdings den Unterschied, dass der Kommerz genau das, was damals Ausdruck des Verderbens war, als Heilsversprechen verkaufen will.

Als Philipp den Widderkopf unter dem gefesselten Jäger naturalistisch-deskriptiv in sein eigenes Bild übernehmen wollte, bekam er Schwierigkeiten mit der Gestaltung. Weil ich selber das Motiv schon wiederholt gemalt und gezeichnet hatte, wusste ich, wie differenziert und kompliziert der Bildhauer arbeitete. Philipp akzeptierte meinen Vorschlag, die Skulpturen zunächst mit Hilfe eines Tageslichtprojektors zu erfassen. Hierbei setzte er allerdings zu früh eigene Akzente. Als das Bild wieder zu misslingen drohte, habe ich selbst einen Teil des anderen Konsolkopfes mit schwarzer Farbe nachgemalt. Ich erläuterte dazu, wie die Eigenheiten der Originalgestaltung am besten zu erschließen seien, nämlich wenn Schattenpartien zunächst ohne Rücksicht auf Bedeutung als Nase, Mund, Auge etc. „rein“ malerisch erfasst werden. Nach Abschluss dieser „Schattenkartographie“ könne dann, auf dem ästhetischen Rang des Vorbildes aufbauend, dem eigenen Gestaltungswillen Raum gegeben werden. Philipp – sonst sehr kritisch – zeigte sich davon überzeugt, und als er die Schatten der Overheadprojektion etwa originalgroß (!) nachmalte, setzte ich mich hinter ihn und beobachtete seine Arbeit.

Während ich meine Notizen über den Jagdfries in den Händen hielt, malte Philipp an den Fesseln, die mich an kabbalistische Glyphen erinnerten. Zum x-ten Male über diese Fessel nachsinnend, blickte ich in meine Aufzeichnungen, als mich ein Sekundenschlaf überkam (wir machten an diesem Nachmittag freiwillig Überstunden). „Nur jetzt nicht einschlafen!“ sagte ich mir und riss den Kopf hoch – da sah ich es: Die Fesseln und die Hasenmäuler formten ein höhnisches Maul, die Hasenköpfe bildeten eine grinsende Fratze, die Ohren wurden zu Hörnern. „Das ist der Teufel!“ entfuhr es mir laut. „Wo?“ „Wo?“ fragten Philipp und Bartosz wie elektrisiert. Ich zeigte es ihnen und Philipp malte das Gesicht mit wenigen Pinselstrichen nach. Als ich davon sprach, dass das eine Sensation sei, eigentlich sogar ein Skandal, fragten die Schüler nach den Gründen.Ihre Frage löste zahlreiche Gedanken gleichzeitig aus. Wir sind Sklaven der Sprache und der Bezeichnung der Dinge; wir meinen, uns ein stimmiges Bild gemacht zu haben, wenn wir die Welt mit Begriffen bezeichnen. Während wir uns autonom wähnen in der Dialektik der Begrifflichkeiten und Diskurse, legen uns verdrängte Instinkte in Fesseln. Wir fallen unbemerkt unserer Triebnatur zum Opfer, die im Jagdfries in Gestalt einer grinsenden Teufelsfratze triumphiert. „Den Teufel spürt das Völkchen nie und wenn er sie beim Kragen hätte.“ (5)

Ist „er“ erst einmal entdeckt, werden auch heute noch überraschende Reaktionen ausgelöst. Nachdem die Presse sogar überregional über meine Entdeckung der „Maske des Bösen“ berichtet hatte, meldete sich der Dompfarrer in einem Leserbrief und in einer Predigt zu Wort. (6) Er hielt es für völlig „ausgeschlossen“, dass der Teufel „am Allerheiligsten“, noch dazu an zentraler Stelle, dargestellt sei. Er schrieb die Entdeckung einem „neuzeitlichen Kopf“ und einer „hintergründigen Phantasie“ zu, die Meister Nikolaus vermutlich „fremd“ gewesen sei.

Im Mittelalter ist es weniger die Beobachtung als die Phantasie, die die Verbindung vom Wahrnehmbaren zum Übersinnlichen, der „Wahrheit“, ermöglicht: „Wenn die Phantasie unserer Vernunft die Formen der sichtbaren Dinge vergegenwärtigt und sie durch das Bild dieser Dinge zur Erforschung des Unsichtbaren vorbereitet, führt sie gewissermaßen dorthin, wohin sie von selbst nicht gelangen könnte … Niemals könnte sich aber die Vernunft zur Betrachtung des Unsichtbaren erheben, wenn ihr nicht die Phantasie die Formen der sichtbaren Dinge vergegenwärtigte und zeigte…“(7) Richard von St. Viktor (gest. 1173), Prior der Abtei von St. Viktor in Paris, bringt damit auch den Primat der Anschauung gegenüber Begriffen zum Ausdruck.

Die mittelalterliche Bildsprache hat im Denken des Pseudo-Dionysos und des Johannes Scotus ihren Ursprung. Die wahrnehmbaren Formen sind für Pseudo-Dionysos Metaphern der übersinnlichen Wirklichkeit. Gott wird nur in Analogien sichtbar, wie der einer „Majestas“ gegenübergestellte Text in einem ottonischen Codex bestätigt: „Dieses sichtbare Bild stellt jene unsichtbare Wahrheit dar, deren Glanz das All durchdringt.“ (8)

Der Dompfarrer stellte seine Skepsis schnell zurück. Seine anfänglichen Bedenken waren eher seelsorgerisch begründet. Die Projektion des Teufels an der Wand hatte wohl viele verunsichert. Zeigte sich der Dompfarrer gegenüber Vernunftargumenten aufgeschlossen, blieb ein pensionierter Lehrer und Privatforscher bei dem, was er über dreißig Jahre als Interpretation verfestigt hatte. (9) Er weigerte sich, auch nur die Möglichkeit eines Vexiereffekts am Jagdfries anzuerkennen. „Da ist nichts!“ und „Der Teufel hat am Jagdfries nichts zu suchen!“ verkündete er kategorisch. In Königslutter wohnhaft, kennt er jeden Winkel des Domes und hatte abends sogar den Himmel angefleht, ihm die Lösung des Jagdfries-Rätsels zu offenbaren.

Solche Reaktionen stimmen nachdenklich. Die Magie des Vexiereffekts, der das Böse auf der Basis der Phantasie des Betrachters visualisiert, macht offenbar Angst. Das Vexierbild ist in Königslutter vermutlich schon immer ein Geheimbild gewesen. (10) Dass es zu seiner Zeit einmalig war, ist jedoch unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist, dass solche Bilder Opfer ikonoklastischer Aktionen geworden sind. Andere romanische Skulpturen lassen hier und da zwar auch Vexiereffekte zu (11), doch so deutlich und an so herausragender Stelle eines Gebäudes wie in Königslutter hat ein „diabolisches Opus“ wohl nirgendwo blinden religiösen Eifer „überlebt“.

Kunstpädagogisch aufschlussreich ist nicht nur, wie es zu der Entdeckung des Vexierbildes kommen konnte, sondern auch, wie sich neue Deutungsansätze des Frieses entwickelten.

Zunächst zog ich ikonologische Beiträge heran, darüber hinaus weitere relevant erscheinende Texte: allgemeine philosophische (Augustinus, Pseudo-Dionysos, Bernhard von Clairvaux, Benedikt von Nursia) sowie „literarische“ Quellen (Gleichnisse Jesu, Apokalypse des Johannes). Parallel dazu untersuchte ich die Bildmotive auf künstlerisch-experimentelle Weise. Eine Vielzahl möglicher Vexiereffekte ist Ergebnis einer ästhetischen Praxis, die in ihrer problemorientierten Offenheit auch für den Kunstunterricht Anregungen bietet. Die Fülle der entwickelten Vexierbilder und der Bezüge zu Literatur und Kunstgeschichtsforschung kann hier nur angedeutet werden.

Mein Fazit ist, dass in Königslutter ein Wendepunkt erkennbar ist, an dem noch bedeutende Bildthemen der Antike verarbeitet werden, aber auch schon entscheidende Vorprägungen für weltliterarische Figuren wie „Till Eulenspiegel“ oder „Faust“ visualisiert sind.


Anmerkungen(1) Die Schreibweise des Namens ist eingedeutscht. Nicolaus, Nicholaus oder Niccolö ist aus der Werkstatt desWiligelmus hervorgegangen und stand in den dreißiger Jahren des 12. Jahrhunderts auf der Höhe seiner Laufbahn. Die Domportale in Ferrara (um 1135) und Verona (ab 1139) sowie die Benediktinerabteikirche S. Zeno in Verona (um 1138) hat er signiert. Ob er selber in Königslutter war, ist nicht nachweisbar. „Der Versuch, die künstlerische Problematik von Königslutter zu sehr zu personalisieren, verkennt… konstitutive Merkmale der Werkstatt Struktur und Werkstattpraxis, weil eine der größten Qualitäten des Nicholaus-Ateliers gerade in der entpersonalisierten Produktion lag…. Denkt man … an Quellen über Architekten des 13. Jahrhunderts, so könnte es möglich sein, dass Nicholaus zumindest für einen kurzen Zeitraum nach Sachsen verpflichtet wurde. Trotzdem dürfte er auch weiterhin für oberitalienische Bauten tätig gewesen sein …“ (Bruno Klein in: Heinrich der Löwe und seine Zeit. Band 2.1995, S.l 17)
(2) H. u. M. Schmidt: Die Bildersprache christlicher Kunst. München 1989, S.69
(3) Sachs, Badstübner, Neumann: Christliche Ikonographie in Stichworten. München/ Berlin 1998, S.167
(4) Bildquelle für Philipp war die Zeitschrift MAX, April 2000, S.188
(5) J.W. Goethe: Faust I.Vers 2181-82
(6) Vgl. Manfred Trümer: Leserbrief in der Braunschweiger Zeitung vom 14. Februar 2001 und Predigt für den Sonntag Invokavit am 4. März 2001 im Dom zu Königslutter
(7) Zit. nach Rosario Assunto: Die Theorie des Schönen im Mittelalter. Köln 1982, S.206-07
(8) Zit. n. Assunto, s. Anm. 7, S.89
(9) Vgl. Otto Kruggel: Die Ornamentik unserer Außenapsis. In: Der Dombote Nr. 14-16. Königslutter 1989
(10) Der Reisende Uffenbach beschreibt 1708 in seinem später in Frankfurt am Main erschienenem Buch „Merkwürdige Reisen durch Niedersachsen, Holland und EngeHand“ die Fesselung des Jägers so: „In der Mitte fressen zwey Hasen einen läger auf, welches das Wahrzeichen der Kirche sein soll.“ Zu „Menschenfressern“ werden die Hasen, wenn ihre Zungen und nicht Stricke den Jäger fesseln. Ein dem Jagdfries in Königslutter ähnliches und fast zeitgleiches Relief (1130) im Tympanon von Sainte-Foy in Conques, Frankreich, bestätigt Uffenbach. In Sainte-Foy ist das „Weltgericht“ dargestellt und zwei Teufel sind dabei, einen gefesselten Jäger am Spieß zu braten. Auch hier klingt das Motiv der „verkehrten Welt“ an, denn der rechte Teufel ist ein anthropomorpher Hase, dessen Armhaltung an die des Jägers erinnert, der in Königslutter den Hasen trägt. Uffenbach griff vermutlich mündlich überlieferte Deutungen auf, die bis heute nicht berücksichtigt wurden. Sieht man in den beiden Profilköpfen der Hasen ein einziges Gesicht in Frontalansicht, ergibt sich eine einzige Zunge, die aus einem breiten Maul hängt. Diese Physiognomie entspricht der Darstellung der zweileibigen Gorgo Medusa in der Antike. Aus etruskischer Zeit sind solche Bilder der Gorgo in Oberitalien zu finden. Die Antike könnte auch das Vorbild für einen „Hasenträger“ liefern, dereinem „obszönen Götzen“ dient. Eine Vasenmalerei (5. Jh.v.Chr.) zeigt einen Jäger, der einen erlegten Hasen geschultert hat und einer Stele mit Phallus einen Zweig opfert.
(11) Am auffälligsten in einem Kapitell des Langhauses der ehemaligen Kathedrale Notre-Dame (2. Hälfte, 12. Jh.) in Lescar (Basse-Pyrenees), wo zwei Löwen einen Menschen und ein Tier in ihren Pranken halten. Zusammen mit der Ornamentik darüber ergibt die Szenerie ein fratzenhaftes Gesicht, das an einen Löwen erinnert. Auch in Königslutter halten zwei Löwen am Portal des Westchores Mensch und Tier in ihren Krallen.


SCHAUTAFELN
Tafel 1

Tafel 2

Tafel 3

Erläuterungen zu den SchautafelnMönchtum und Apokalypse

Das Bildprogramm des Jagdfrieses ist geprägt von der Endzeiterwartung der Apokalypse („Offenbarung“) des Johannes. Am Zeitenende erscheinen drei Tiere, mit denen sich die Macht des Satans ein letztes Mal entfaltet, bevor Christus mit der Zeit auch die Herrschaft des Bösen beenden wird. Nach Augustinus hat Gott die Welt aus dem Nichts erschaffen und mit der Welt auch die Vergänglichkeit der Zeit. Der Mensch hat die freie Wahl, das Gute oder das Böse zu tun. Die Wahl der Reinheit und Jungfräulichkeit ist für den Mönch eine Voraussetzung zum Erlangen ewiger Seligkeit, denn nur die „Reinen“ werden nach den Worten der Apokalypse der Herrschaft des Bösen entgehen, das am Weltende in Gestalt von Tieren erscheint. Das „erste Tier“, ein Drache, will den neugeborenen Messias verschlingen, wird aber vom hl. Michael in den Abgrund gestürzt und übergibt seine Macht dem „zweiten Tier“ (u.a. ein Panther), das die Auferstehung Christi nachahmt. Das „dritte Tier“ gleicht auch im Aussehen („Lamm“) Christus. Es zwingt alle, das Bild des zweiten Tieres anzubeten und dessen Zeichen auf ihrer Stirn anzubringen. „Kaufen oder verkaufen konnte nur, wer das Kennzeichen trug: den Namen des Tieres oder die Zahl seines Namens.“ (Offb 13,17). Der Zahlenwert des Tieres ist 666, eine verschlüsselte Bezeichnung des Christenverfolgers Nero, der in Kaiser Domitian zur Zeit der Abfassung der Apokalypse als „Antichrist“ wieder „aufersteht“. Johannes, der Verfasser der „Offenbarung“, wendet sich in Sendschreiben an die christlichen Gemeinden, um diese zur Standhaftigkeit angesichts der drohenden Verfolgung durch Domitian zu ermahnen und zur Umkehr vom „Nikolaismus“, der im Mittelalter zum Synonym für „Unkeuschheit“ wurde. Rom wird als „große Hure Babylon“ bezeichnet. Da körperliche Liebe als „unrein“ gilt, wird die „große Hure“ zum christlichen Gegenbild der „apokalyptischen Frau“, die als Jungfrau und Madonna zugleich „Mutter Kirche“ ist. Für den enthaltsam Lebenden sind die gefährlichsten Anfechtungen sexueller Natur. Sexuelle Verführung ist mit den beiden Sirenen in einer Konsole des Jagdfrieses sowie mit drei nackten Gestalten, die an die drei Grazien erinnern, in einem Kapitell im Querschiff dargestellt. Eine Miniatur aus dem Jahr 1071 zeigt, wie ein Widersacher des heiligen Benedikt sieben nackte Mädchen in den Klostergarten schickt. Sie stechen dem Mönch ins Auge und lenken ihn vom Studium der Schrift, dem „Wort Gottes“ ab.

In den 12 Stufen der Demut beschreibt Benedikt den geistlichen Weg des Mönches. Jeder Abschnitt dieses Weges steht unter einem Wort aus der Schrift. In Königslutter finden sich 12 Konsolskulpturen mit monströsen Darstellungen der Gier, Zwietracht und Unzufriedenheit, wie sie Bernhard von Clairvaux in den „12 Stufen des Stolzes“ (vgl. Tafel 3) beschreibt, mit denen er um 1121 die Benediktinerregel ergänzt. Alle Hybris gilt es zu überwinden durch den geistlichen Weg der Demut.

Jeder sinnliche Genuss ist Ablenkung von Gott. Der Künstler (artifex) Nikolaus warnt insofern vor den Gefahren seiner eigenen Kunst. Der falsche Prophet, das „dritte Tier“, erweckt das Bild des zweiten Tieres durch Magie zum Leben. Dieses Bild ist in den zwei Hasen zu sehen, die den Jäger fesseln. Für den Betrachter wird es durch Vexiereffekte „lebendig“. Vexiereffekte sind Ergebnis der Phantasie: sowohl eine Maske, das Symbol der Lüge und des Bösen, als auch ein Herz, das Symbol der Liebe und des Guten, kann man als „sein Bild“ wählen (Tafel 1).

Der Abstand der Hasenaugen entspricht dem der menschlichen Augen. Lässt man neben den vier Ohren auch den Steg der Herzform zwischen den Hasenaugen wegfallen, blicken sich zwei Schlangenköpfe an, die Fessel wird zu einem merkurialen Heroldsstab. Ein fotografisch maßstabsgetreu rekonstruierter Caduceus (Heroldsstab) wäre auch als Theatermaske praktikabel, wie im Experiment belegt werden kann. Schlange und Maske sind im christlichen Kontext Zeichen für Lüge und Verführung. Ein „reines Herz“ hingegen steht für Aufrichtigkeit und wahre Liebe. Die Entdeckung der Schlangenmaske kann eine heilende Wirkung entfalten, wenn der Gläubige sich von ihr als dem Bösen abwendet und statt dessen das Bild des Guten wählt, das „reine Herz“. Dann ist der Betrachter nicht mehr zwischen dem Guten und Bösen hin- und hergerissen. „Vexare“ bedeutet sowohl „hin- und herreißen“ als auch „quälen“. Die Wahl des „richtigen“ Bildes ermöglicht die Heilung von den Qualen des Wählenkönnens, vergleichbar der Wahl der richtigen Medizin im Sinne Äskulaps.

Voraussetzung für solch eine Heilung ist, dass man vorher die Vexierbilder wahrnimmt und dadurch überhaupt erst eine Wahlmöglichkeit erhält. Diese Wahlmöglichkeit wird durch die Hasenköpfe im Emblem des Herzens veranschaulicht. Die Tierfratze im Herzen, dem Symbol der Liebe, pointiert die zentrale Botschaft Jesu, das Böse in uns selbst, in unserem Herzen zu suchen und nicht auf andere zu projizieren. Erst wenn ich mir selber den Spiegel vorhalte, kann ich mein Herz vom Bösen reinigen.
Die Jäger sind wir selbst, das Jagdhorn ist die Posaune unserer Seele, die Jagdhunde symbolisieren unser Begehren. Wir erkennen das Böse darin, wenn wir die Blindheit unserer Anschauungen verlieren und uns selbst erkennen. Ausdrücklich bekennt sich der Künstler in einer Spiegelinschrift als „Hasenbesieger“. Das Erjagte wird als Lebens- und Kunstwerk durch die Hasen personifiziert, die den Menschen binden, um ihn am Ende vor Christus zu stellen, der als Richter und Erlöser (Hirschsymbol) naht: „Siehe, ich komme bald und mein Lohn mit mir, um jedem zu vergelten wie sein Werk ist.“ (Offb 22,12)

Die Herrschaft des Antichrist wird durch Christus gebrochen werden. Die im Innern der Kirche entspiegelte Künstlersignatur offenbart im Allerheiligsten das Bild Gottes, des wahren Schöpfers, der Anfang und Ende alles Geschaffenen ist. Das Böse geht mit dem Ablauf der Zeit vorüber und weicht am Ende aller Zeiten der ewigen Herrschaft des Guten. Die Spiegelschrift ist auf der einen Seite der Apsis sichtbar und messbar, sie hat Anfang und Ende, genau wie die darunter dargestellte Jagd auf den Hasen, der getötet und fortgetragen wird.

Auf der gegenüberliegenden Seite, wo sie entspiegelt wäre, ist sie – weil unsichtbar und nicht „real“ vorhanden – auch nicht messbar. Das Erscheinen der Schrift ist noch nicht abgeschlossen. Genauso wie die Jagd auf den Hirsch! Diese Jagd findet erst im Erlösungswerk Christi ihr Ende.

Dass sein Werk („hoc opus“) von vornherein auf die Erlösung hin konzipiert war, symbolisieren die Kreuze am Anfang der Inschrift und am Ende vor dem Kürzel „sc“. Das Kreuz bleibt schon in der Spiegelschrift unverändert.

Neben den 12 Stufen der Demut und des Stolzes können die 12 Konsolskulpturen auch die 12 Monate des Jahres und die 12 Stunden des Tages und der Nacht ins Gedächtnis rufen. Der Gedanke eines Zeitablaufs und eines Weges fänden in den dämonischen Konsolköpfen einen adäquaten Ausdruck, denn die „Zeit“ muss ja überwunden werden, will der Gläubige in der „Ewigkeit“ sein Heil erlangen.

Nach Augustinus ist das Ende der Zeiten auch das Ende der Rätsel, „… wo das Erkennen ein Zusammenwissen ist, nicht >stückweise<, nicht >im Rätsel<, nicht wie >im Spiegel<, sondern aus der Ganzheit, in der Enthülltheit, >von Angesicht zu Angesicht<, wo man nicht bald dies, bald jenes, sondern, wie gesagt, alles in einem erfasst, ohne jede zeitliche Folge.“ (Conf.XII, 13,16)

Das Bild eines Lammes in den Krallen eines Löwen auf der Stichkappe der Apsis soll für alle Schwachen ein Vorbild sein, im Glauben standhaft zu bleiben und sich notfalls im Martyrium zu Christus zu bekennen, wie es die Apokalypse fordert. Auch für die Mönche gilt es auszuhalten, zu hoffen und zu arbeiten. „Ora et labora!“ lautet das konsequente Motto der Benediktiner.

Der Mensch ist gefesselt von seinen eigenen „unreinen“ Begierden. Die Freiheit des Willens besteht darin, sich von diesen Fesseln zu lösen und den Weg der „Reinheit“ zu wählen, der Weltentsagung und Jungfräulichkeit voraussetzt. Reinheit und Jungfräulichkeit führen ins Paradies, wo sich in der mystischen Hochzeit die „Jungfrau“ als „Braut“ mit dem „Bräutigam“ Christus vermählen wird. Nimmt man diese Hochzeit von „Gott Vater, Mutter und Sohn“ wörtlich, sind hier auch alle „ödipalen“ Qualen zum Guten gewendet. Im Innern der „Mutter Kirche“ verheißt das Bild Gottes Erlösung. Außen ist das Treiben Satans dargestellt. „Extra ecclesiam nulla salus“ (außerhalb der Kirche gibt es kein Heil). Die Kirche bannt mit den Werken der Kunst das Böse. Es zu erkennen, ist die Voraussetzung zur Umkehr. Schon im antiken Tempel ist im Innern das Bild eines Gottes zu sehen und auch Piaton bezieht das Göttliche auf das Innere des Menschen, wenn er Sokrates als Satyr kennzeichnet, dessen Inneres ein Götterbild enthüllt. Der Satyr ist das Vorbild für den christlichen Teufel.

In Königslutter siegt Christus in der Gestalt des Hirsches über Drachen und Panther, die als „Doppelkopf“ (vgl. Tafel 1) in der linken Konsole des zentralen Friessegments erscheinen: In einer Variante der Darstellung Christi, der über Basilisk und Aspis schreitend Löwen und Drachen das Haupt zertritt, überspringt der Hirsch die Schlangenaugen des Drachenschädels. Schon urchristliche Amulette bilden auf der Vorderseite Christus und auf der Rückseite das zu überwindende Böse in Gestalt antiker Götter ab. Ein solches Gegenbild des Messias ist der ägyptische Horos, auf Krokodilen schreitend. Ein anderes ist Mithras, dessen Kult in der Spätantike über das ganze Römische Reich verbreitet war. Da der Mithraskult in vielerlei Hinsicht dem Christentum ähnelt, sehen schon die Urchristen in dieser „Nachahmung“ ihrer Religion eine Praxis des Antichrist. Noch Ende des 12. Jahrhunderts ist Mithras bekannt, wie eine Darstellung des Stieropfers im Kreuzgang des Domes S. Maria la Nouova in Monreale belegt. Perseus, der mit abgewandtem Blick die Medusa tötet, wird von der Mithrasfor-schung als Vorbild für die Tauroktonieszene angesehen.

Die betonte Frontalansicht der schlangenköpfigen Gorgo Medusa steht in der Tradition antiker Satyrdarstellungen. Gorgo, Satyr und der antike Schlangenkult prägen ikonogra-phisch das Vexierbild der Tierfratze in Königslutter.

Die Fessel des Salomon

In der „heidnischen“ Antike ist der Stier Fruchtbarkeitssymbol und Kultopfer. Im Jagdfries wird der Stierkopf mit einem sternförmigen Zeichen auf der Stirn in astrologische Bezüge gestellt, die auch den Mithraskult kennzeichnen: Schlangen umwinden eine mithräische Zeitgottheit mit Löwenkopf, die wie die Erscheinung Christi in der Apokalypse zwei Schlüssel in den Händen hält. „Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel der Hölle und des Todes.“ (Offb 1,18) Christus herrscht auch über die Totenwelt: Er kann aus dem Tode erretten, er kann aber auch diejenigen in der „Hölle“ verschließen, die im Gericht verworfen werden. Da das lateinische Wort „claviger“ sowohl „Schlüsselträger“ als auch „Keulenträger“ bedeutet (Kompositum aus clava: Knittel, Keule und clavis: Schlüssel), kann der Hasenträger, der in Königslutter mit der Keule in der Hand auf den Stierkopf verweist, genauso als ein „claviger“ bezeichnet werden wie Christus. In gewisser Weise ist auch der Vexiereffekt im Zentrum des Frieses ein „Schlüssel“, der die „Tür“ zu dem öffnet, was sich hinter der äußerlich sichtbaren Welt verbirgt.

„Für solche halbe Höllenbrut ist Salomonis Schlüssel gut“, ruft Faust, um des „Pudels Kern“ zu bannen (Goethe, Faust I, V. 1257/58).

„>Salomonis Schlüssek weist auf eine gnostisch-kabbalisti-sche, später von christlich-spiritualistischer Pansophie überformte und seit dem 16. Jh. in zahlreichen Abschriften kursierende Schrift >Claviculae Salomonis< (>Die Schlüssel des Salomo<, gedruckt Wesel/ Duisburg/Frankfurt 1686), die diesem biblischen König zugeschrieben wurde. Sie wird beispielsweise bei Paracelsus … als magisches Grundbuch auch für die Beschwörung der Geister und den Umgang mit ihnen erwähnt… >Salomonis Schlüssek läßt sich auch als ein magisches Symbol deuten… Dieses als >Cingulum Salo-monis< (>Fessel des Salomon<) bezeichnete Pentagramm mit christlich-magischen Symbolen, das zum Bannen der Geister dienen sollte, stammt aus der dem historischen Faust zugeschriebenen kolorierten Handschrift >Praxis cabu-lae nigrae<…“ (Schöne, Albrecht: Johann Wolfgang Goethe, Faust. Kommentare. Frankfurt am Main 1994, S. 248)

Im zentralen Friessegment bewegen sich in Königslutter von links der Hirsch und von rechts der Keulen- bzw. Hasenträger auf den gefesselten Jäger zu. Legt man auf diese drei Darstellungen das 1686 gedruckte „Cingulum Salomonis“, ergeben sich verblüffende Übereinstimmungen zwischen dem magischen Symbol und den drei Reliefs.

Die Symbolik des Pentagramms beruht auf der mathematischen Irrationalität: Bei einem unregelmäßigen Pentagramm lassen sich die Maßverhältnisse nur in irrationalen Zahlen ermitteln. Die rationale Unerfassbarkeit machte das Pentagramm deshalb schon in der Antike zu einem Symbol irrationaler Mächte.

Die das Cingulum umkreisenden Worte „consummatum est“ („es ist vollbracht“) stammen aus der Vulgata (Joh 19,30). Unter dem Wort „est“ steht das im Mittelalter entwickelte astrologische Zeichen für Venus. Dreht man dieses um, ergibt sich das Zeichen für Weltherrschaft, die „Sphära“, der sogenannte „Reichsapfel“, den auch Kaiser Lothar III. auf seinem Siegel in Händen hält. Der Kaiser verdankt seine Herrschaft der Gnade Gottes. Diese göttliche Legitimation veranschaulichen Bilder, die auch Gottvater, Christus oder den hl. Michael mit der Sphära in der Hand zeigen.

Antithetische Legemöglichkeiten des Cingulum Salomonis (Tafel 2) weisen entweder Venus oder den Träger der Sphära als Herrscher aus. Astrologisch herrscht Venus am Freitag, dem Tag, an dem Christus am Kreuz stirbt. Zugleich herrscht der Planet Venus auch über die Tierkreiszeichen „Stier“ und „Waage“. Sieht man in der Göttin wie die Urchristen das Feindbild der großen Hure aus der Apokalypse und eine Verbündete des Antichrist, so deutet der Stier als Kultsymbol auf den „Nikolaismus“, die Waage wird zur „Seelenwaage“ und zum Symbol des bevorstehenden Gerichts. Im alten Ägypten wird das Herz der Verstorbenen vom schakalköpfigen Anubis gewogen, im Christentum fungiert Michael, der den Drachen (die Schlange, den Satan) besiegt hat, als Seelenwäger. „Lucifers“ Bild erscheint als des „Pudels Kern“ in den vexierten Hasenköpfen. Triviale Darstellungen zeigen noch heute Satan als emblematisierten Ziegenbock im Innern eines Pentagramms, dessen zwei Spitzen die Teufelshörner bilden.

Auch in Königslutter fügt sich die Tierfratze in ein Pentagramm ein, doch dessen Doppelspitze weist nach unten und zeigt mit der Sphära die Möglichkeit, das Böse zu bannen.

Betrachtet man die beiden Nasenlöcher der Hasenköpfe als Anlegemarkierungen für den Kreis des astrologischen Sonnenzeichens („sol“) im Innern des Cingulum Salomonis und legt das Pentagramm dann auf die Hasenköpfe, stimmt die „Nase“ der Tierfratze im Vexierbild mit dem Zeichen „sol“ überein, die zwei Hörner liegen exakt in der oberen Spitze, das linke Ohr in der linken, das rechte Ohr in der rechten Spitze des Fünfsterns. Diese pointierte Emblematik passt zu einem Reisebericht von 1753, der mündliche Überlieferungen aufgreift und die Fesselung des Jägers als „Wahrzeichen der Kirche“ bezeichnet. Sieht man das Hasenvexierbild als Wahrzeichen an, so ergeben sich detaillierte Übereinstimmungen mit dem berühmten BAPHOMET der Tempelritter, dessen Aussehen nur aus Beschreibungen überliefert ist. Lothar III. hatte um 1130, vor der Grundsteinlegung des Domes, den Tempelherren Teile seiner Grafschaft Süpplingenburg überlassen.

Hatte der Orden der Templer auch auf den Bau des Domes in Königslutter Einfluss? BAPHOMET ist eine mit hebräischen Buchstaben verschlüsselte Schreibweise des Wortes „Sophia“, Weisheit. Die Glyphen der im 14. Jahrhundert verfolgten und entmachteten Tempelritter sind u.a. in den Geheimlehren der Rosenkreuzer tradiert. Bei der „Geheimfigur“ „Die 3 Welten in der Welt“ (1785) ist in der Mitte des Kreises auffällig das Emblem eines Herzens platziert.

Eine Synthese aus dem Cingulum Salomonis, das „in den Kreys zu legen“ ist, der Geheimfigur der Rosenkreuzer und dem zentralen Relief in Königslutter macht das Wort „est“ sowohl im Mund der Tierfratze als auch im „reinen Herzen“ sichtbar (Tafel 2).

Im Mund des Jägers „steckt“ die linke untere Spitze des mittleren Pentagramms. Dies ergibt einen „sprechblasenähnlichen“ Effekt, der in zahlreichen mittelalterlichen Tituli (Spruchbandunterschriften) erscheint, u.a. in der bekannten Miniatur des Meisters von Rohan, wo ein Sterbender im Gebet seine Seele Gott empfiehlt. Andere Darstellungen zeigen die Seele in Menschengestalt. Diese tritt ebenso aus dem Mund hervor wie die Pentagrammspitze. Mit dem von ihm Vollbrachten („consummatum est“) gibt der Gefesselte auch Auskunft über das Schicksal seiner Seele. Die rechte untere Spitze des Pentagramms weist auf die gefesselten Beine. Steht das Wort „est“ im Mund des Tieres, ist Venus/Luzifer die Fessel. Der vom Bösen überwältigte Jäger ist aufgerufen zur Scheidung des Guten und Bösen in seiner Jagd. Kehrt er um und jagt dann dem Guten, also Gott nach, kann er durch Gottes Gnade erlöst werden. In jedem Fall ist der Jäger gefesselt. Doch er kann die Art der Fessel wählen.

1588-90 unterrichtete Giordano Bruno zwei Jahre lang an der 1576 gegründeten Universität in Helmstedt, deren theologischen Lehrstuhl nach der Klosterverordnung von 1655 der Abt von Königslutter innehaben sollte. Es liegt nahe, daß auch der Mönch Bruno in der Klosterkirche zu Königslutter war. Er könnte ebenfalls vor dem Jagdfries meditiert haben, bevor er 1591 sein Werk „Über fesselnde Kräfte im Allgemeinen“ (De vinculis in genere) schrieb. Gott ist für Bruno das Zentrum der Fessel: „Das Gute wird das Lockende genannt, das Schöne, die Fessel der Seele (animus). Daher sagt man, dass Gott das Zentrum der Kreise der Schönheit, bzw. die Fessel sei…“ Was wir erjagen, das bindet uns!

Umgekehrt ist das, was wir erjagen, abhängig von dem, was uns „fesselt“, in seinen Bann zieht. Das Böse kann uns gefangen halten, doch nur die Fessel des Guten kann erlösen. Das Satyr- und Gaukelspiel des „Silen“ – später nach christlicher Lesart der Teufel – zieht uns mit seinen Verlockungen wie Macht, Besitz, Ehre und Sex in seinen Bann und bindet uns, verdeckt jedoch nur das Gute.
Das Böse ist nur ein Gegenbild des Guten, im Bösen spiegelt sich das Gute, weil es nichts Gutes ohne Böses geben kann, denn nichts in der Welt „ist“ („est“) ohne sein Gegenteil, selbst das „Sein“ ist nur vorstellbar im Kontrast zum „Nichtsein“, die „Liebe“ nur im Kontrast zum „Hass“.

Bernhard von Ciairvaux

Sollen die Bilder aus Stein den Glauben an Auferstehung und Erlösung durch überprüfbares Wissen stützen? „Weil du mich gesehen hast, bist du gläubig geworden? Heil denen, die ohne zu sehen zum Glauben kommen!“ (Joh 20,28), sagt der auferstandene Christus zum „ungläubigen“ Thomas.

Glaubt der Mensch nur an das Äußere, so spricht sein Mund wie die Schlange im Paradies. Christus aber spricht in unserem Herzen. Dies betont unablässig auch der einflussreichste Mann der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts: Bernhard von Ciairvaux. Er fördert die Krönung Lothars III. zum Kaiser, und sowohl der Zisterzienserorden als auch der Orden der Templer verdanken ihm ihre Gründung. Die Benediktiner machen die äußerst bildhafte Sprache des erklärten Bilderfeindes Bernhard in Königslutter zum Bildthema. Tafel 3 illustriert, wie das platonisch geprägte Denken des Heiligen mit einer Übersetzung der Jagdfriesmotive in die christlich-kabbalistische Glyphe des Sefirot-Baumes verbunden ist.

Sefirot-Baum und Menorah entsprechen sich. Kabbalistische Glyphen sind eine Art Schlüssel zum Selbst, ein Zeichensystem schöpferischer Wirkungszusammenhänge im Menschen. Da die Geheimlehre der Kabbala spätplatonische und hebräische Vorstellungen zur Synthese bringt, sind auch christliche Ausdeutungen dieser Systematik möglich. So gilt z.B. der siebenarmige Leuchter (1188) im Dom zu Braunschweig als Zeichen salomonischer Weisheit.

Als Pulchritudo (Schönheit) wird die Sefira (Schale) im Zentrum des Sefirot-Baumes bezeichnet (Tafel 3). Die Rosette, die dieser Sefira zugeordnet ist, zeigt im Vexierbild Kreuz- und Sonnenzeichen („sol“) als Symbole der Herrschaft Christi. Antithetisch dazu entstehen in jener der Sefira „Fundamentum“ zugeordneten Rosette zwei Schlangenköpfe. Schon im irdischen Paradies existiert die Versuchung: Jedes der 57 Akanthusblätter im Fries über den Jagdszenen birgt im Vexierbild eine Schlange. Der Sefirot-Baum bestätigt mit der exakten Bezeichnung der den Sefirot (Schalen) zugeordneten Rosetten Giordano Bruno, der Gott als Zentrum der Kreise der Schönheit, bzw. als die Fessel bezeichnet. Die Figuren des Jagdfrieses umkreisen das Zentrum mit dem gefesselten Jäger. Der Kreislauf dieser Jagd entspricht dem Kreislauf der Zeit, der erst am „Jüngsten Tag“ endet. Die sechs Sefirot der rechten und linken Säule des Sefirot-Baumes markieren wiederkehrende Stationen bzw. Ziele im Kreislauf des Lebens. Die Sefirot der mittleren Säule sind beständig gültig. Timor („Furcht“ vor dem Gericht) und Misericordia (Barmherzigkeit) unterstreichen die immer von Neuem erforderliche Scheidung des Guten und Bösen im Leben eines jeden Menschen. Die Krone (Corona) symbolisiert das göttlich Ewige, das Königreich (Regnum) das weltlich Vergängliche jeder Existenz.

„Erröte, meine Seele, das Ebenbild Gottes mit einer Tierfratze vertauscht zu haben,“ formuliert Bernhard von Clairvaux in seiner 24. Ansprache über das Hohelied. Im Richtspruch dieser Selbsterkenntnis erscheinen Sieg (Victoria) und Ruhm (Honor) als vergängliche Eitelkeiten, tätige Barmherzigkeit hingegen, das „Mitleiden mit dem Leidenden“ (Bernhard) führt über Verstehen (Intelligentia) und Weisheit (Sapientia) zur Gotteserkenntnis.

Der gesamte Ostchor lenkt den Blick zum Himmel, zu Gott. Bernhards „3 Stufen der Wahrheit“ (s. Tafel 3) vergleichbar, bildet die dreifach mit Blendarkaden gestufte Fassade des Ostchors eine „Hierarchie“ (Rang- und Heilsordnung), die vom konkret Gegenständlichen ausgehend mit zunehmend abstrakteren Formen einen Stufenweg vom Sichtbaren zum Unsichtbaren signalisiert und ins „Reich der Ideen“ führt. „Wenn man das Unsichtbare begreifen will, muss man so tief wie möglich ins Sichtbare vordringen“, könnte die Botschaft der kabbalistisch geprägten Mystik in Königslutter lauten. Der Ostchor der Benediktinerabteikirche St. Peter und Paul offenbart sich als „Stein der Weisen“, die Mitte des Jagdfrieses als „Wahrzeichen“ der Schöpfung.

Eine im Mittelalter populäre Variante des Sefirot-Baumes ist das Rad der Fortuna. Im Zentrum ihres sich ständig drehenden Rades herrscht die Glücks- und Schicksalsgöttin, deren Machtbereich auch „die Welt der Venus generosa“ (Wolfgang Schadewaldt) einschließt, wie die Carmina Burana des Klosters Benediktbeuren eindrucksvoll belegen. Die von Nikolaus signierte Benediktinerabteikirche S. Zeno in Verona zeigt ebenfalls ein Schicksalsrad als Rosette über dem Hauptportal. Auch der Jagdfries in Königslutter lässt sich in ein solches Rad – vergleichbar dem Sefirot-Baum – übertragen. Der gefesselte Jäger ersetzt die blinde Fortuna. Wer sich von den Äußerlichkeiten der Welt binden lässt, wird vom Rad des Schicksals herumgewirbelt, wer sich wie ein Mönch von der Welt abwendet, ist innerlich frei und findet Herzensruhe – eine für ein Benediktinerkloster angemessene und jedem verständliche Botschaft. Das Schicksal herrscht „blind“. Der Narr, der sich an das Äußere klammert, bleibt „blind“ dem Schicksal ausgeliefert. Die Blindheit verliert, wer die hinter dem äußerlich Sichtbaren verborgene Heilsbotschaft erkennt. Dazu musste der Mensch Sehen lernen – zumindest damals.